Unsere Demokratie wird nächstes Jahr 74

Historikerinnen können und dürfen den 8. Mai als Tag der Kapitulation und des Kriegsendes wahrnehmen. Für gewisse Kreise war das so/ ist das so. Seit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag als ein Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System nationalsozialistischer Gewaltherrschaft wissen wir aber auch: „Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. (…) Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden.“

In Wolfsburg hatte die Rede zum 8. Mai 1985 in der Auseinandersetzung mit der eigenen Stadtgeschichte eine Zäsur zur Folge. Die Diskussion um die Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bei Volkswagen wurde breiter geführt, die Rolle Porsches als SS-Oberführer und Wehrwirtschaftsführer geriet in den Blick, gewisse Kreise konnten sich der Erforschung der Entstehungsgeschichte von Werk und Stadt nicht mehr verweigern.

Es entstand ein breites Bündnis aufgeklärter Demokratinnen und Demokraten, das auf die eigene Geschichte nicht nur als deutsche und europäische Geschichte schaute, sondern aus der konkreten Geschichte vor Ort in der Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben lernen wollte, wie der Faschismus hier funktionierte. In diesem Bündnis für eine lokale Erinnerungskultur entstanden Erinnerungs- und Gedenkstätten.

Zum 80. Jahrestag der Stadtgründung scheint der Anspruch -, wie er seit der von Weizsäcker-Rede auch in Wolfsburg gelebt wurde -, aus der eigenen Geschichte beständig ein Erinnern, Mitfühlen und Mitdenken zu entwickeln, allerdings wieder in den Hintergrund zu treten. Zwar wird am 27. Januar und am 8. Mai wie in vielen Städten den Opfern des Hitler-Faschismus gedacht. Und nachdem in der Planung eines neuen Stadtteilzentrums zunächst übersehen worden war, dass sich an diesem Ort ein schreckliches KZ-Außenlager befand, wird von der Stadt eine Konzeption für einen Gedenk- und Lernort KZ Laagberg entworfen, über deren Entstehung der Kulturausschuss der Stadt in ‚Routineberichten‘ informiert wird.

Doch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte zwischen 1938 bis 1945 wird gleichwohl wie zuletzt in den 70er Jahren in Wolfsburg vermieden. Der Marketing-Slogan zum Stadtgeburtstag der Volkswagenstadt – ‚Die Zukunft wird 80‘ – soll sicherlich ‚nur‘ als Versuch verstanden werden, den Blick auf die kommende Stadtentwicklung zu richten. Aber er mutet seltsam an. Denn die Geschichte der Stadt Wolfsburg ist ohne die ‚braunen Jahre‘, aber auch ohne die Befreiung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter am 11. April 1945 und die Umbenennung der Stadt am 25. Mai 1945 nicht denkbar. Bisher wird zum aktuellen Stadtgeburtstag aber weder auf diese wichtigen Tage der Stadtgeschichte noch auf die besondere historische Verantwortung Wolfsburgs eingegangen, die jedes Jahr aufs Neue daraus erwächst, eine Nazi-Stadtgründung zu sein. Wer erwartet hat, dass im Veranstaltungsprogramm zum 80. Stadtgeburtstag in angemessener Form auch auf die NS-Geschichte geschaut wird, wird enttäuscht. Wenige Tage vor den Feiertagen bleibt nur zu hoffen, dass am Stadtgeburtstag nicht nur der Gründungsakt der Nazi-Schergen mit Musik und kalten Getränken gefeiert wird, sondern vielleicht doch noch auch daran erinnert wird, dass Wolfsburgs Demokratie am 11. April erst 73 Jahre alt geworden ist.